Als Backpacker nach Südamerika reisen - Die fünf größten Mythen aufgeklärt


Flugzeug auf Bolivia

Manchmal macht es doch sehr viel Sinn, sich klare und eindeutige Ziele im Leben zu setzen. Zum Bespiel: Sobald die Pandemie vorüber ist oder es wieder möglich ist zu vereisen, werde ich Südamerika besuchen. Dieser wunderbar vielfältige Kontinent liegt für die meisten Europäer nicht nur gefühlt weit entfernt, sondern Reisende nach Kolumbien oder Peru werden auch mit immer den gleichen Vorurteilen und Reisemythen konfrontiert. Und oft stehen zukünftige Backpacker vor der ewigen Frage: Südost-Asien oder Lateinamerika? Da ich mich nach vielen Trips in meinen liebsten Kontinent sowie ausführlichen Berichten darüber im planetenreiter Reiseblog schon als Südamerika-Experte bezeichnen kann, lies im folgenden Beitrag meinen Realitäts-Check.

Vorab kann ich allerdings bestätigen, dass ein Mythos mehr oder weniger der Wahrheit entspricht: Wegen des guten und abwechslungsreichen Essens fährt man eher nicht nach Südamerika!

Nach Südamerika reisen - das ist doch Gefährlich!

Dies ist zweifellos der populärste und zugleich hartnäckigste Südamerika-Mythos. Und für Reisen in die touristisch erschlossenen Länder wie Kolumbien, Peru, Argentinien, Ecuador oder Chile sicherlich nicht zutreffend. Diese Länder sind für Touristen genau so riskant wie Italien oder Frankreich. Für Traveller oder Backpacker gilt: Dumme Risiken sollte man dennoch nicht eingehen. In gefährliche Gegenden bzw. die falsche Nachbarschaft fährt man auch nicht wenn man in Lissabon oder Paris unterwegs ist. Ebenso sollte man nicht alkoholisiert oder nachts alleine oder beides zusammen unterwegs sein. Wer einfache Regeln einhält welche zu den handwerklichen Standards des Individualreisenden gehören, wird in Südamerika keine Probleme haben. Dies gilt nicht für Länder, in denen ein bürgerkriegsähnliches Sicherheitsniveau herrscht, wie Venezuela, Honduras oder El Salvador.

Reisen in Südamerika - Das ist doch teuer!

Nein, ist es nicht! Wobei man tatsächlich genau schauen muss, in welchem Land man unterwegs ist. Und dann noch mal differenzieren muss, in welcher Gegend, denn auch in den Ländern selbst gibt es ein erhebliches Preisgefälle. Preiswerte Reiseländer für Europäer sind Peru, Ecuador, Bolivien und Kolumbien. Aber, am Beispiel von Peru zeigt sich, dass man auch schauen muss, in welcher Gegend man unterwegs ist. In Cusco, Machu Picchu und dem Heiligen Tal, der touristischstenRegion Perus, sind die Preise für Unterkünfte und Verpflegung immer noch niedriger als in den meisten Ländern in z.B. Südeuropa, für Peru aber absolute Spitze. In einer touristisch eher wenig frequentierten Region wie dem Norden Perus kostet alles nur noch einen Bruchteil dieser Beträge. Reisende sollten sich also vorab genau überlegen, wo sie hinfahren möchten - es wird sich eine Mischkalkulation ergeben, aber unter dem Strich bleibt: Reisen nach Südamerika sind teurer als nach Südost-Asien, aber preiswerter als nach Afrika, Nordamerika oder Südeuropa.

Da gibt es doch nichts zu sehen was mich interessiert!

Tatsächlich sind die Landschaften Südamerikas als auch die touristischen Highlights sehr vielfältig. In Südamerika kann man vom Regenwald, durch Wüsten, über Savannen, von antarktischen Küsten bis zu karibischen Stränden höchst unterschiedliche Lebensräume entdecken. Die Gipfel der Anden und die Hochebenen dieser Gebirgskette nicht zu vergessen. Und der mächtigste Fluss des Planeten, der Amazonas, ist ebenfalls in Südamerika zu finden und unbedingt eine Reise wert. Naturräume sind der Triumph des Kontinents, aber auch alte koloniale Städte sind sehenswert. Jedes Land zwischen dem Rio Grande und dem Südpol hat seinen eigenen Charakter, seine nationale Identität, welche sich lohnt zu entdecken. Man könnte ein Buch schreiben (bzw. ich versuche das in meinem Südamerika-Reiseblog) über die Sehenswürdigkeiten, ich finde, es ist die Vielfalt der potenziellen Reiseziele, welche eine Auswahl erschwert. Wer möchte sich schon entscheiden, ob es sinnvoller ist, Machu Picchu, den Perito-Moreno-Gletscher oder doch die Iguazu-Wasserfälle zu besuchen?

In Südamerika gibt es keine gute Infrastruktur

Stimmt auch absolut nicht. Die Verkehrsinfrastruktur als auch die Situation vor Ort ist meistens sehr gut. In den touristisch erschlossenen Gebieten von Mittel- und Südamerika kommen Backpacker als auch andere individuelle Reisende mit Bussen sehr gut herum. Für grössere Strecken bieten sich in jedem Land Inlandsflüge an, meistens sind mehrere Fluggesellschaften auf diesen Strecken aktiv, was sich preislich positiv bemerkbar macht. Fliegen in Südamerika ist supergut organisiert, sehr sicher und angenehm, mit meistens ziemlich modernen Flughäfen.

Für die allermeisten touristischen Reiseziele gilt: Unterkünfte, lokale Anbieter von Aktivitäten oder Ausflügen sowie die Infrastruktur vor Ort (Supermärkte, Wäschereien, Ausrüstung) sind reichhaltig vorhanden. Schwieriger wird es in abgelegenen Orten, aber das lässt sich immer voraus planen. Die Bandbreite an Unterkünften zwischen Bogota und Ushuaia erstreckt sich von Luxus bis Schlafsaal und deckt auch alle Klassen dazwischen ab. Kolumbien z.B. hat für mich die gleiche Infrastruktur von vielen europäischen Ländern, auch was die Internetverfügbarkeit angeht.

Und, wer auch immer seine Komfortzone verlassen möchte, dem macht es Südamerika sehr einfach: In entlegenen Gebieten gibt es dann manchmal mehr Abenteuer, als man denkt, aber meistens immer noch sehr akkurate Unterkünfte, und immer nette Einheimische.

Reisen in Südamerika sind nicht planbar

Dieser Mythos ist eher ein grobes Vorurteil. Wer vor Ort ist wird feststellen, dass es für Busse und Flugzeuge Pläne gibt, welche meistens preussisch genau eingehalten werden. Das gleiche gilt für Fähren und Boote, vorbestellte Taxen und andere Dienstleistungen. Ich habe einmal für vier Uhr morgens in Iquitos am Amazonas am Vortag ein Tuktuk (Motocarros heissen die dreirädrigen Motorrad-Rikschas in Peru) bestellt. Mündlich, beim Fahrer, ohne Vorauszahlung. Er war pünktlich da am nächsten Morgen.

Das Beispiel verdeutlicht, dass Planungen auch in kleinen und exotischen Situationen möglich sind. Wer als Backpacker oder Traveller unterwegs ist, kann alle Teilstrecken gefahrlos vor Ort organisieren, buchen und durchführen, und auch vorab planen. Was oft nicht planbar ist: Ein Ticket für das Amazonasboot zum Beispiel kann man nicht vorab online kaufen. Es gibt zuweilen auch keine einsehbaren Fahrpläne im Netz. Man muss dafür vor Ort sein, Abfahrtzeiten herausfinden, Tickets im Reisebüro oder der Busstation erstehen. Definitiv ist Reisen als Backpacker in Südamerika nichts für Pauschalurlauber oder Menschen, die eine Gruppenreise mit Guide für spannend erachten. Man muss sich viel vor Ort selbst organisieren. Wenn das mit „man kann in Südamerika nichts planen“ gleichgesetzt wird, nun ja.

Aber genau diese Art von Nichtplanbarkeit macht Reisen nach Südamerika so charmant, so besonders, so einzigartig und abenteuerlich im besten Sinne und sind die Gründe, warum ich diese Gegend unseres Planeten so liebe.

Autor: Dirk Loew